Das Corpus der hethitischen Festrituale

Staatliche Verwaltung des Kultwesens im spätbronzezeitlichen Anatolien

Schauplatz hethitischer Festrituale
Schauplatz hethitischer Festrituale: das Felsheilgtum Yazılıkaya bei Hattusa. Im Relief dargestellte Reihe hethitisch-hurritischer Göttinnen, die in dieser Reihenfolge in dem außerhalb der Stadt gelegenen Naturheiligtum zu beopfern waren. Deutsches Archäologisches Institut, Abt. Istanbul, Ausgrabung Hattusa.

Die Festritualtexte sind die umfangreichste Gruppe von Keilschrifttexten aus dem hethitischen Anatolien. Sie bieten eine im Alten Orient einmalig dichte Dokumentation des Kultwesens und seiner Verwaltung. 

Rekonstruktion und Erschließung dieses Textcorpus in Form von web-basierten Editionen sind Hauptziele des Vorhabens „Corpus der hethitischen Festrituale“ (HFR); ebenso die Untersuchung von paläographischen, linguistischen sowie religions- und verwaltungshistorischen Kernfragestellungen, die diese Textgruppe aufgibt.

Die Festritualtexte sind knapp formulierte, oft aber umfangreiche Vorschriften für die Durchführung des Kultes außerhalb der täglichen Versorgung der Gottheiten zu bestimmten, oft jahreszeitlich festgelegten Anlässen. Das Corpus erstreckt sich über alle Perioden der hethitischen Geschichte und schließt alle für die historische Entwicklung der hethitischen Religion konstitutiven Traditionsstränge und Milieus ein.

Das Corpus der Festritualtexte stammt überwiegend – aber nicht ausschließlich – aus den Archiven der Hauptstadt Hattusa. Es ist Zeugnis einer staatlichen Kultverwaltung, deren Aufgabe es war, für das Königshaus die Observanz der Kultpflichten sicherzustellen; uns informiert es detailliert über den hethitischen Kult als eine religiöse Praxis mit hoher politischer, sozialer und ökonomischer Signifikanz. Dabei beleuchten die Texte nicht nur den Tempelkult der Hauptstadt zu unterschiedlichen Zeiten, sondern geben auch Auskunft über die Kulte in vielen anderen Städten des Reiches.

Im Zuge des Projekts werden Transliterationen aller Manuskripte von Festritualtexten in ein digitales, umfassend mit Metadaten annotiertes Basiscorpus eingegeben, das komplexe Recherchen in Hinblick sowohl auf die Manuskript- als auch auf die Textrekonstruktion erlaubt und zugleich Fragmente topisch erschließt, die noch nicht einem Einzeltext oder Textkomplex zuweisbar sind. Das Basiscorpus ist lemmatisiert, durch Glossare erschlossen und mit kombiniert recherchierbaren Metadaten versehen. Gemeinsam mit der digitalen Erfassung und schriftmetrologischen Analyse der Fragmente ist das Basiscorpus ein wesentliches Arbeitsinstrument für die Rekonstruktion von Manuskripten und ihre Zuordnung zu Texten.

Für 18 unter Berücksichtigung von Forschungsstand und Signifikanz ausgewählte Textkomplexe innerhalb des Corpus der Festrituale werden kritische Editionen erstellt. Darunter befinden sich u.a. die großen Reisefeste im Frühjahr und Herbst, das ki.lam-Fest, die Rituale für Huwassanna sowie die lokalen Kulte von Arinna, Nerik und Zippalanda.

Wie das annotierte Basiscorpus sind auch die kritischen Editionen als web-basierte, kontinuierlich wachsende, open access-Publikationen im Rahmen der digitalen Infrastruktur des Hethitologie-Portals Mainz (HPM) konzipiert. Die kritischen Editionen umfassen Einleitungen, synoptische Umschriften von Duplikathandschriften einschließlich einer Transkription als „Master-Text“, Übersetzungen, epigraphische und philologische Anmerkungen sowie Verknüpfungen zu den Fotos einzelner Manuskripte im Mainzer Photoarchiv. Als informationstechnisches Rückgrat von Basiscorpus und Editionen dienen die Verzeichnisse der Konkordanz der hethitischen Keilschrifttafeln (mit Catalogue des textes hittites) des HPM, die im Rahmen von HFR weiterentwickelt werden.

Das primäre Publikationsmedium für Basiscorpus und Editionen ist das World Wide Web im Rahmen der HPM-Infrastruktur. Alle Texte sind durch ein Druckansicht-Instrument im print on demand-Verfahren abrufbar. Editionen mit Master-Text, Übersetzung, Einleitungen und einem auf inhaltliche Varianten beschränkten Apparat werden in vier Bänden „Hethitische Festrituale“ (HFr 1–4) als Druckwerke vorgelegt werden. Ebenfalls als Druckwerke publiziert werden übergreifende thematische Studien zur Paläographie, Sprache und Religions- und Verwaltungsgeschichte der hethitischen Festrituale sowie die im Rahmen von HFR entstandenen Dissertationen und Symposiumsakten.

Anschrift
Hethitologie-Archiv
Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz
Raum A1-15
Geschwister-Scholl-Str. 2
55131 Mainz
Professur für Vergleichende & Allgemeine Sprachwissenschaft
Fachgebiet für Vergleichende Sprachwissenschaft, Keltologie & Indologie
Institut für Klassische Sprachen & Literatur
Wilhelm-Röpke-Str. 6E
35032 Marburg
Lehrstuhl für Altorientalistik
Institut für Altertumswissenschaften
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Residenzplatz 2
Tor A
97070 Würzburg

Partner Edition

Dr. Meltem Doğan-Alparslan (İstanbul Üniversitesi: Edition ḫišuwa-Fest)
Prof. Dr. Piotr Taracha (Uniwersytet Warszawski: Edition Kult von Kaštama)
Dr. Michele Cammarosano (Università degli Studi di Napoli L'Orientale: Edition Kult von Arinna)

Partner Archäologie

Prof. Dr. Andreas Schachner (Deutsches Archäologisches Institut, Istanbul: Ausgrabungen in Boğazköy)
Prof. Dr. Rainer Czichon (Uşak Üniversitesi / Freie Universität Berlin: Ausgrabungen in Oymaağaç)

Prof. Dr. Andreas Müller-Karpe (Philipps-Universität Marburg: Ausgrabungen in Kayalıpınar)

Partner IT/Paläographie

Prof. Dr. Heinrich Müller; Dr. Frank Weichert (Technische Universität Dortmund)
Prof. Dr. Steve Tinney (University of Pennsylvania, Philadelphia; Oracc)

Dr. Susanne Krömker (Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen, Universität Heidelberg)
Dr. Jonathan Taylor (British Museum, London; The Cuneiform Digital Palaeography Project)

Partner altorientalische Kultritualtexte

Prof. Dr. Andrew R. George (School of Oriental and African Studies, London): Babylonien

Prof. Dr. Stefan M. Maul (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg): Assyrien

Prof. Dr. Herbert Niehr (Eberhard-Karls-Universität Tübingen): Syrien-Palästina und Altes Testament
Prof. Dr. Joachim F. Quack (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg): Ägypten

Projekte in Kooperation mit HFR

  • Thesaurus Linguarum Hethaeorum digitalis (TLHdig) (Prof. Dr. Gerfrid G. W. Müller, Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz/Universität Würzburg; Prof. Dr. Doris Prechel, Universität Mainz; Prof. Dr. Elisabeth Rieken, Universität Marburg; Prof. Dr. Daniel Schwemer, Universität Würzburg)
  • The Hittite Corpus of Divinatory Texts: Digital Edition and Cultural Historical Analysis (HDivT) (PD Dr. Birgit Christiansen und Prof. Dr. Enrique Jiménez, Universität München; Prof. Dr. Daniel Schwemer, Universität Würzburg)
  • The Hittite Annals: Origins, Purpose, and Afterlife (Dr. James Burgin, Universität Würzburg)
  • The Corpus of Hittite Laws (Prof. Dr. Giulia Torri, Antonio Carnevale, Dr. Livio Warbinek, Università degli studi Firenze)
  • Unpublished Boğazköy-Fragments: Edition and Research (Dr. Oğuz Soysal, Universität Marburg)
  • LuwGramm: A Grammar of the Luwian Language (Prof. Dr. Elisabeth Rieken und Dr. Habil. Ilya Yakubovich, Universität Marburg)
  • Tive - Studien zur hurritischen Sprache und Überlieferung (Dr. Habil. Ilya Yakubovich, Universität Marburg; Dr. Sebastian Fischer, Universität Würzburg; Prof. Dr. Elisabeth Rieken, Universität Marburg; Prof. Dr. Daniel Schwemer, Universität Würzburg)
  • Volkswagen-Stiftung „Weltwissen-Programm“: An Interdisciplinary Strategy for the Innovative Development and Long-term Consolidation of Ancient Near Eastern Studies at Würzburg University (Prof. Dr. Daniel Schwemer, Universität Würzburg)

Ehemalige Kooperationsprojekte

  • Luwili Project: Luwian Religious Discourse Between Anatolia and Syria (Edition der keilschrift-luwischen Texte: Dr. Alice Mouton, Directrice de Recherche, CNRS, Paris; Dr. Habil. Ilya Yakubovich, Universität Marburg)
  • CuKa – Computer-aided Cuneiform Analysis: Cross-repository and Cross-domain Analysis of Cuneiform Tablets for Collaborative, User-centered Operationalization of Philological Working Methods (G.G.W. Müller, G. Fink und F. Weichert, TU Dortmund und Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, 2018–21)
  • Hittite Local Cults (Edition der hethitischen Kultinventare: Dr. Michele Cammarosano, Universität Würzburg, 2016–2021)
  • The Hittite Palace Administrative Corpus (Edition der hethitischen Palastverwaltungstexte: Dr. James Burgin, Universität Würzburg, 2017–2021)Akteure und Machtstrukturen in der hethitischen Gesellschaft (Dr. Matteo Vigo, Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, 2018–2022)

Studien zu den Boğazköy-Texten (StBoT)

Seit 1965 sind die Studien zu den Boğazköy-Texten ein international hochangesehener Publikationsort für philologische, kulturhistorische und sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum hethitischen Anatolien. Ein besonderer Schwerpunkt der Reihe, die höchste wissenschaftliche Standards anlegt, ist die Vorlage kommentierter Editionen von keilschriftlichen und hieroglyphischen Textzeugnissen aus der Kultur der Hethiter auch weit über die namengebende Hethiterhauptstadt Boğazköy (Hattuša) hinaus. In der Reihe werden Studien in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert; Sammelbände werden nur in Ausnahmefällen aufgenommen. Ältere Bände werden als PDF-Dokumente auf dem Hethitologie-Portal Mainz zum Herunterladen bereitgestellt.

Gründungsherausgeber: Heinrich Otten
Derzeitige Herausgeber: Elisabeth Rieken und Daniel Schwemer

Bände

StBoT 72,1–2: Ilya Yakubovich and Alice Mouton; Volume I: In cooperation with Laura Puértolas Rubio;  Volume 2: With an Appendix by Laura Puértolas Rubio. Luwili. Hittite-Luwian Ritual Texts Attributed to Puriyanni, Kuwattalla and Šilalluḫi (CTH 758–763). Volume I: Edition and Commentary. Volume II: Discussion and Glossary (2023)

StBoT 70–71: James M. Burgin. Studies in Hittite Economic Administration. A New Edition of the Hittite Palace-Temple Administrative Corpus and Research on Allied Texts Found at Ḫattuša. Volume I: Background, Corpus Overview, Case Studies, Lexical Commentary, and Glossary. Volume II: Text Editions and Philological Commentary (2022)

StBoT 69: Lidewij E. van de Peut. Persuading the Divine. On the Composition of Hittite Prayers (2022)

StBoT 68: Michele Cammarosano. At the Interface of Religion and Administration: The Hittite Cult Inventories. With a contribution by Adam Kryszeń (2021)

StBoT 67: Giulia Torri. The “Haus am Hang” at Ḫattuša. A Late Hittite State Scriptorium and Its Tablet Collections (2021)

StBoT 66: Susanne Görke and Charles W. Steitler (eds.). Cult, Temple, Sacred Spaces. Cult Practices and Cult Spaces in Hittite Anatolia and Neighbouring Cultures. Proceedings of the First International HFR Symposium, Mainz, 3–5 June 2019 (2020)

StBoT 65: James Burgin. Functional Differentiation in Hittite Festival Texts. An Analysis of the Old Manuscripts of the KI.LAM Great Assembly (2019)

StBoT 64: Gernot Wilhelm. Kleine Beiträge zum Hurritischen (2018)

StBoT 63: Alexandra Daues und Elisabeth Rieken (unter Mitwirkung von Jürgen Lorenz). Das persönliche Gebet bei den Hethitern. Eine textlinguistische Untersuchung (2018)

StBoT 62: Charles W. Steitler. The Solar Deities of Bronze Age Anatolia. Studies in Texts of the Early Hittite Kingdom (2017)

StBoT 61: Piotr Taracha. Two Festivals Celebrated by a Hittite Prince (CTH 647.I and II-III). New Light on Local Cults in North-Central Anatolia in the Second Millennium BC (2017)

StBoT 60: Gerfrid G.W. Müller (Hg.). Liturgie oder Literatur? Die Kultrituale der Hethiter im transkulturellen Vergleich. Akten eines Werkstattgesprächs an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Mainz, 2.-3. Dezember 2010 (2016)

Harrassowitz Verlag - The Harrassowitz Publishing House Harrassowitz Verlag

Katalog StBoT

Documenta Antiqua Asiae Minoris (DAAM)

In Fortsetzung der seit 1986 bestehenden Reihe Studien zu den Boğazköy-Texten Beihefte bietet DAAM einen international hochangesehenen Publikationsort für philologische, kulturhistorische und sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum hethitischen Anatolien. Ein besonderer Schwerpunkt der Reihe, die höchste wissenschaftliche Standards anlegt, ist die Vorlage kommentierter Editionen von keilschriftlichen und hieroglyphischen Textzeugnissen aus der Kultur der Hethiter auch weit über die Hethiterhauptstadt Boğazköy (Hattuša) hinaus. In der Reihe werden Studien in deutscher, englischer oder französischer Sprache publiziert. DAAM ist für Publikationen vorgesehen, die eine Vorlage von großformatigen Zeichnungen oder Fotos einschließen.

Herausgeber: Elisabeth Rieken und Daniel Schwemer

Bände

DAAM 2: Daniel Schwemer and Aygül Süel. The Akkadian and Sumerian Texts from Ortaköy-Šapinuwa / Ortaköy-Šapinuwa’dan Akadca ve Sümerce Metinler (2021)

DAAM 1: Elisabeth Rieken. Keilschrifttafeln aus Kayalıpınar 1. Textfunde aus den Jahren 1999–2017 (2019)

Harrassowitz Verlag - The Harrassowitz Publishing House Harrassowitz Verlag

Keilschrifttexte aus Boğazköy

Mit dem Band 70 endete 2015 die stattliche Reihe von Heften der Keilschrifttexte aus Boghazköi (KBo), die im Rahmen des Vorhabens Hethitische Forschungen an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, seit 1979 veröffentlicht wurden (KBo 27–70). Zugleich fand mit diesem Band die Publikation der Keilschriftfunde der Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Boğazköy bis zum Jahr 2015 einen vorläufigen Abschluss.

In der jüngeren Vergangenheit fand man bei den archäologischen Untersuchungen in Boğazköy nur geringe Zahlen von Keilschrifttexten. Daher ist zu erwarten, dass die angestammte Veröffentlichungsform dieser Fundgattung in Heften mit etwa 300 Einzelnummern die Vorlage von Handkopien der Neufunde ungebührlich verzögern würde. Zugleich möchte man das System der Publikation der Textfunde aus Boğazköy in der Reihe KBo ungern aufgeben. Band 71 ist deshalb als ein ‚wachsendes‘ Heft konzipiert, das im Rahmen von Hethitologie-Portal Mainz (HPM) online zugänglich ist und so Jahr für Jahr um die jeweils anfallenden Neufunde ergänzt werden kann. Eine Drucklegung von KBo 71 beim Gebr. Mann-Verlag wird erfolgen, wenn eine angemessene Seitenzahl erreicht ist.

Herausgeber: Daniel Schwemer

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