Ostpreußische Archivalien – so werden sie wieder lesbar!

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Besuch des ehrenamtlichen Mitarbeiters A. Mohr (links) 2015 im Archiv des MVF Berlin; rechts der Archivleiter H. Junker. Foto: H. Wieder (Berlin).

Im archäologischen Akademieprojekt »Forschungskontinuität – Kontinuitätsforschung«
werden durch ehrenamtliche Mitarbeit alte ostpreußische Archivalien transkribiert.

Kaum eine zweite archäologische Forschungslandschaft hat sich in den letzten drei Jahrzehnten in ähnlicher Art und Weise verändert wie jene des östlichen Ostseeraumes. Verbunden mit den politischen Umbrüchen und der Selbstständigkeit der drei baltischen Staaten, zugleich aber auch der Öffnung des Kaliningrader Gebietes für freien Transfer von Menschen und Wissen ergab sich seit Mitte der 1990er Jahre die Möglichkeit, aber auch die Verpflichtung, neue Forschungsnetzwerke zu etablieren und neue Forschungsfragen zu formulieren. Dieser Aufgabe hat sich das Akademievorhaben »Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung« in den vergangenen Jahren erfolgreich gestellt. International breit vernetzt und personell gut ausgestattet, haben sich das Schleswiger Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA Schleswig) und das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte (MVF Berlin) unter der Projektleitung der Professoren Claus v. Carnap-Bornheim und Matthias Wemhoff in einem historisch nicht unproblematischen und zugleich facettenreichen Forschungsumfeld als wichtige Partner fest etabliert.

Doch wie kaum ein zweiter archäologischer Forschungsraum war und ist Ostmittel- und Osteuropa aber auch durch die Zerstörung und Vernichtung des kulturellen Erbes durch den 2. Weltkrieg betroffen. Architektur, Museen, Archive, Denkmale gleich welcher Art und dazu auch das kollektive Gedächtnis zu historischer und regionalgeschichtlicher Überlieferung unterlagen einem dramatischen Wandel, für den das Jahr 1945 mehr als nur eine Zäsur, sondern einen vollständigen und irreversiblen Einschnitt darstellt.

Unser Projekt »Forschungskontinuität und Kontinuitätsforschung« widmet sich im Rahmen des Akademienprogrammes und angesiedelt an der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur in einem auf 18 Jahre angelegten Projekt der Wiederherstellung, Bereitstellung und Auswertung von Archiven zur Archäologie des ehemaligen Ostpreußen, die im Jahr 1945 verlagert, teilweise vernichtet und dann verschollen waren. Dies betrifft insbesondere das ehemalige Prussia-Museum in Königsberg/Kaliningrad, in dem sowohl in den Ausstellungen als auch in den Magazinen und Archiven quasi das Herz der ostpreußischen Archäologie schlug. Mit dem voraussichtlichen Abschluss des Projektes im Jahr 2029 wird somit nach mehr als 80 Jahren der Wissensstand der ostpreußischen Archäologie rekonstruiert, der mit dem Ende des 2. Weltkrieges auf immer verloren erschien. Das Projekt ist damit auch eine Folie für internationale Aktivitäten, die sich nicht nur auf die Wiederherstellung architektonischer oder musealer Strukturen konzentrieren, sondern sich auf die Rekonstruktion archivalischer Sammlungen an der Schnittstelle zur modernen Forschung konzentrieren.

Für die Bearbeitung der ca. 50.000 Archivalien wird seit 2015/16 externe Expertise mit genutzt. Dahinter steht ein vom Akademieprojekt initiiertes Vorhaben zur Transkription der Königsberger Akten unter fachlicher Leitung des Archivs am MVF Berlin mit sechs ehrenamtlichen Mitarbeitern. Alle haben in ihrer Jugend noch das Schreiben und Lesen der alten Handschriften gelernt. Bei einigen kommt auch ein familiärer oder anderer persönlicher Bezug zu Ostpreußen hinzu. Die originalen Akten erhalten die an ganz unterschiedlichen Orten in Deutschland lebenden Ehrenamtler als Kopien per Post. Die Dokumente – meist Briefe, Notizen, Fundmeldungen oder Ausgrabungsberichte – werden dann bei der Transkription sorgfältig Wort für Wort umgesetzt. Ziel ist es, die handschriftlich in Kurrent und Sütterlin verfassten Dokumente durch die Übertragung in lateinische Druckschrift vereinfacht zugänglich zu machen und damit ihren Nutzen als historische Quellen deutlich zu erhöhen. Dies richtet sich an Fachleute, die die Handschriften nicht (mehr) lesen können, aber auch an einen internationalen, nicht-muttersprachlichen Nutzerkreis. Die Transkriptionen werden perspektivisch als zitierfähige Dokumente gemeinsam mit den originalen Akten in der Projektdatenbank präsentiert. Für dieses Vorhaben ist seit 2022 die Finanzierung einer Mitarbeiterstelle durch das BKGE (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa) bzw. das BKM (Bundesbeauftragte für Kultur und Medien) gesichert, die eine umfangreiche Qualitätskontrolle durchführen und die jeweiligen Dokumente finalisieren wird, um sie dann in die Projektdatenbank einzustellen.

Damit wird ein weiterer wesentlicher Schritt für die Bewahrung der Archiv- und Sammlungsbestände aus dem Königsberger Prussia-Museum und die »Wiederherstellung der längst überfälligen Forschungskontinuität mit dem Ziel der langfristigen Sicherung eines außergewöhnlichen kulturellen Erbes« (Zitat aus dem Projektantrag »Forschungskontinuität – Kontinuitätsforschung«) gegangen.

https://www.akademieprojekt-baltikum.eu/transkriptionsprojekt.html

(Claus von Carnap-Bornheim und Matthias Wemhoff)

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