image/svg+xml Nee, noch nicht, lohnt sich das? Marcel Marcel Das hat ja schon fast 3 Mio Klicks! Ich schaue es mir gleichmal an. Marcel Ich hab's mir jetzt mal angesehen. Rezo sagt da, dass Expert*innen mehrheitlich nicht von Verschwörungstheorien, sondern von "Verschwörungsglaube" sprechen, stimmt das wirklich? Hey, habt ihr schon das neue Video von Rezo über Medien & Verschwörungstheorien gesehen? https://www.youtube.com/watch?v=hkncijUZGKA Esra Ja, auf jeden Fall. Ich habs schon gesehen. 👍 Ja, stimmt, was er sagt. Viele Personen fordern zurzeit, dass man "Verschwörungstheorie" nicht verwenden sollte. Marcel Warum sollte "Verschwörungsglaube" der bessere Begriff sein? Ich kenne in diesem Zusammenhang nur das Wort Verschwörungstheorie. Marcel Widersprechen sich die Argumente nicht? 🙃 Ja, sie widersprechen sich in der Tat. So wird zum einen gesagt, dass der Terminus stigmatisierend wirkt und als Waffe“ gegen Meinungen, die einem selbst nicht passen, eingesetzt werde. Gleichzeitig wird aber auch gesagt, dass eingefleischte Verschwörungstheoretiker das Wort lieben“ und es als Selbstbezeichnung verwenden (www.watson.de/deutschland/analyse/720825632-coronademos-hildmann-naidoo-verschwoerungstheorie-ist-das-falsche-wort), um ihren Erzählungen einen wissenschaftlichen Anklang zu verleihen. Dies steht im Widerspruch mit dem Gebrauch des Wortes als Stigmawort. Stigmawörter können nicht selbstreferentiell verwendet werden. Außerdem berücksichtigen beide Kritikpunkte auch nicht, dass es eine strikte Trennung zwischen dem Gebrauch von Verschwörungstheorie als wissenschaftlichen Terminus, also als Terminus Technicus, und dem umgangssprachlichen Gebrauch gibt. Wenn man sich wissenschaftlich mit Verschwörungstheorien beschäftigt, so ist es gang und gäbe, die für die eigene Forschung relevanten Termini zu definieren und nachvollziehbar darzulegen, was man unter bestimmten Termini versteht. Dies wird selbstverständlich auch mit dem Terminus Verschwörungstheorien gemacht. Esra Das kann ich nachvollziehen, wenn jemand im Alltag von 'dramatisch' oder 'romantisch' spricht, bezieht er sich ja auch nicht auf die literaturwissenschaftliche Großgattung Dramatik oder die Epoche Romantik. 😉 Genau, aber nur, weil ein Wort in der Alltagssprache eine gewisse Konnotation besitzt, heißt das noch lange nicht, dass es für wissenschaftliche Zwecke unbrauchbar ist. Esra Aber hat die Wissenschaft nicht auch die Aufgabe klare Begrifflichkeiten zu entwickeln, die auch im Alltag Verwendung finden können? (Stichwort "Elfenbeinturm"). DWDS-Wortverlaufskurve für „Verschwörungstheorie“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/r/plot?view=1&corpus=zeitungen&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=1&prune=0&window=3&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1946%3A2019&q1=Verschw%C3%B6rungstheorie>, abgerufen am 6/17/2020. Schaut mal hier. Man kann sich mit dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) anzeigen lassen, wie der Gebrauch des Wortes "Verschwörungstheorie" von 1946 bis heute zugenommen hat. Und man sieht hier auch ganz schön, mit welchen anderen Wörtern der Ausdruck gehäuft auftritt. Finde das voll spannend! Marcel Aber das Wort "Theorie" hat ja schon den klaren Bezug zur Wissenschaft, oder? Ja, schon, aber dann solte man auch nicht unter den Tisch fallen lassen, dass das Wort Theorie keineswegs nur die Bedeutung ,System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzlichkeiten‘, sondern auch die Bedeutung, wirklichkeitsfremde Vorstellung; bloße Vermutung‘ (www.duden.de/rechtschreibung/Theorie) bzw. ,abstrakte Gedanken und Vorstellungen, deren Bezug zur Realität nicht evident ist oder bezweifelt wird‘ (www.dwds.de/wb/Theorie) besitzt. Als Verwendungsbeispiele führt das DWDS übrigens die Sätze „in seinem Kopf spuken seltsame Theorien“ und „er hat sich in merkwürdige Theorien verstiegen“. Bei diesem Gebrauch von Theorie handelt es sich also exakt um die Bedeutung, die auch in dem Wort Verschwörungstheorie zum Ausdruck kommt. Marcel Der Begriff "Erzählung", der in diesen Kontexten ja auch gebraucht wird, ist vielleicht weniger stigmatisierend?! Wer schreibt? Zoe mit Esra, Marcel, Chantal, Juan, fünf Wissenschaftler:innen aus ganz verschiedenen Diziplinen(Geschichte, Informatik, Sprach-, Sozial- und Literaturwissenschaften).Worum geht's? Verschwörungstheorien und Wissenschaft Esra Naja, das sind ja keine richtigen Theorien, also keine wissenschaftlichen und falsifizierbaren Erkenntnisse, sondern mehr der Glaube daran, dass irgendwelche 'bösen Gruppen' Politik und Medien lenken und damit Einfluss auf den öffentlichen Diskurs nehmen. Der Religionswissenschaftler Michael Blume spricht auch von Verschwörungsglaube, weil die Anhänger*innen die Vorstellung einer Verschwörungspyramide tradieren und an deren Spitze stehen dann die übermenschlichen Superverschwörer 👽. In einem Artikel über Verschwörungsglauben bezieht sich Michael Blume auf eine Untersuchung des US-Psychologen Rob Brotherton (Suspicious Minds, 2015) und stellt Zusammenhänge zur Religionspsychologie her: „Zu seinem Erstaunen stellte der Forscher fest, dass die allermeisten Verschwörungsglaubenden gerade nicht von einer Welt ausgingen, in der eben verschiedene konkurrierende Verschwörerkreise miteinander um Einflussbereiche stritten. Stattdessen traf er immer wieder auf die Vorstellung einer Verschwörungspyramide, an deren Spitze übermenschlich begabte und manipulative Superverschwörer standen. Diese seien so genial, dass sie über Jahrhunderte hinweg nahezu fehlerfrei agieren und die "niederen" Verschwörergruppen kontrollieren, sie sogar gegeneinander ausspielen könnten. Und je nach religiös-weltanschaulicher Präferenz fanden sich an der Spitze dieser Pyramide dann eben die (seit Jahrhunderten erloschenen) Illuminaten oder die "Weisen von Zion", aber auch superreiche Wirtschaftseliten, Bilderberger, Außerirdische oder künstliche Intelligenzen (wie im Sciencefiction-Film "Matrix" von 1999).“ Dabei verdeutlicht Blume, dass der Verschwörungsglaube für alle Gruppen, religiöse und säkulare strukturell gleich sei: „Und tatsächlich weisen alle – sowohl die rechten als auch die linken und religiösen – Terrororganisationen die Gemeinsamkeit auf, dass sich ihre Anhängerinnen und Anhänger im Widerstand gegen eine "globale (Super-)Verschwörung" wähnen und vorgeben, letztlich in Notwehr zu handeln. Auch wenn sie den Glauben an ein höchstes, überlegenes Prinzip oder eine allmächtige Gottheit bekunden, so glauben sie doch, dass finstere Superverschwörer das Weltgeschehen bestimmten.“ Blume, Michael: Meinung: Verschwörungsglaube ist ein religiöses Problem, in: Spektrum. 08.08.2016 https://www.spektrum.de/kolumne/meinung-verschwoerungsglaube-ist-ein-religioeses-problem/1418857 Eine Verbindung auf struktureller Ebene zwischen Religiosität und Verschwörungstheorien konstatiert auch der Psychologe Sebastian Bartoschek: „[L]etztlich funktioniert Religiosität nach denselben strukturellen Prinzipien wie Verschwörungstheorien. Es wird Ihnen eingetrichtert, vor jemandem Angst zu haben. Und gleichzeitig wird Ihnen eine Lösung angeboten, um die Angst in den Griff zu kriegen. Meistens erscheint die Lösung in Form von zwei Versprechen: Das Versprechen nach Gemeinschaft und jenes nach Erlösung.“ "Religiosität und Verschwörungsglaube funktionieren nach denselben strukturellen Prinzipen“ Wie analysiert ein Psychologe den Reiz von Verschwörungstheorien? Wie erklärt er, dass Menschen sich mit Verschwörungstheorien identifizieren? Ein Interview mit Dr. Sebastian Bartoschek, in: arte. 07.09.2017 https://info.arte.tv/de/religiositaet-und-verschwoerungsglaube-funktionieren-nach-denselben-strukturellen-prinzipen Eine begriffliche Differenzierung zwischen Verschwörungstheorie und Verschwörungsglaube wird von Thomas Grüter vertreten: Der Verschwörungsglaube umfasst hier einen „Verdacht gegenüber einer als feindlich oder böse empfundenen Gruppe. […] Der Verdacht manifestiert sich dann in Ereignissen, die als Bestätigung des Glaubens gewertet werden.“ Wenn diese Verdachtsmomente ‚ausgearbeitet‘ und in einen größeren Kontext überführt werden, spricht Grüter von Verschwörungstheorie. Der Verschwörungsglaube stellt in diese Sinne die Grundlage der Versicherungstheorie dar. Was ist eine Verschwörungstheorie und wann ist ein Verschwörungsverdacht glaubwürdig? Eine Diskussion mit Thomas Grüter über Verschwörungstheorien und reale Verschwörungen, in: Telepolis. 06.09.2012 https://www.heise.de/tp/features/Was-ist-eine-Verschwoerungstheorie-und-wann-ist-ein-Verschwoerungsverdacht-glaubwuerdig-3395562.html Ja, vor allem seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist die Bezeichnung Verschwörungstheorie ganz schön in die Kritik geraten. Wie ich das sehe, gibt es zwei Kritikpunkte: 1. Das Wort solle nicht verwendet werden, weil es negativ konnotiert sei und es ein sogenanntes Stigmawort darstelle, mit dem jegliche Äußerungen, die nicht der eigenen politischen oder wissenschaftlichen Position entsprechen, diskreditiert werden können, und 2. weil es positiv konnotiert sei; denn es handle sich bei Verschwörungstheorien ja gar nicht um Theorien im wissenschaftlichen Sinne. Als alternative Termini werden zum Beispiel Verschwörungserzählung, Verschwörungsglaube, Verschwörungsideologie und Verschwörungsmythos genannt. Vgl. Friedemann, Vogel (2018): Jenseits des Sagbaren - Zum stigmatisierenden und ausgrenzenden Gebrauch des Ausdrucks Verschwörungstheorie in der deutschsprachigen Wikipedia. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 14, 259287. Link zu http://www.hempen-verlag.de/zeitschriften/aptum/aptum-band-14-2018-heft-3.html Link zu www.watson.de/deutschland/analyse/720825632-coronademos-hildmann-naidoo-verschwoerungstheorie-ist-das-falsche-wort) Aber ist es nicht einfach so, dass sich die Bedeutung eines Wortes aus seinem Gebrauch ergibt? In der Sprachwissenschaft geht man davon aus, dass Wortbedeutungen nicht einfach so - im luftleeren Raum - existieren, sondern dass die Bedeutung von Wörtern im Sprachgebrauch entsteht. Hierzu sagte bereits Ludwig Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen Folgendes: „§10: Was bezeichnen nun die Wörter dieser Sprache? – Was sie bezeichnen, wie soll ich das zeigen, es sei denn in der Art ihres Gebrauchs? §43: Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes „Bedeutung“ – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Das Wort Verschwörungstheorie besitzt demnach (als nicht wissenschaftlich klar definierter Fachbegriff) in der Alltagssprache eine bestimmte Bedeutung (mit durchaus gewissen Konnotationen), die sich nicht einfach nur aus den Bedeutungen der beiden Bestandteilen Verschwörung und Theorie ableiten lässt, sondern die durch seine Kontexteinbettung bestimmt (Pragmatik), seine Verknüpfung mit anderen lexikalischen Elementen beeinflusst (Kookkurrenz) und seinen wiederholten Gebrauch historisch gewachsen ist (Konventionalisierung). Ja auf jeden Fall 👍 und er hat noch mehr Vorteile, die in dem Begriff "Erzählung" bzw. dem Erzählen verankert sind: Das Erzählen ist nicht nur universell und kulturübergreifend - so wie ja auch die Idee von Verschwörungen zu jeder Zeit und in unterschiedlichen kulturellen Kontexten auftreten -, sondern schließt auch fiktionale und faktuale Aspekte ein. Ein Charakteristikum der "Verschwörungstheorien" ist ja gerade, dass bestimmte Fakten herausgegriffen werden, aber dann in Zusammenhänge gebracht werden, die sich durch eine starke Komplexitätsreduzierung auszeichnen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen ergeben dann die vermeintliche Verschwörung. Der Begriff "Erzählung" schließt also beide dafür konstitutive Komponenten ein. Esra Vgl. exemplarisch: Nünning, Ansgar: Wie Erzählungen Kulturen erzeugen: Prämissen, Konzepte und Perspektiven für eine kulturwissenschaftliche Narratologie, in: Kultur – Wissen – Narration. Perspektiven transdisziplinärer Erzählforschung für die Kulturwissenschaften. Bielefeld: transcript 2014, S. 15-54.; Fludernik, Monika/Falkenhayner, Nicole/Steiner, Julia (Hrsg.): Faktuales und fiktionales Er-zählen. Interdisziplinäre Perspektiven. Würzburg: Ergon 2015; Breitenwischer, Dustin/Häger, Hanna-Myriam/Menninger, Julian (Hrsg.): Faktuales und fiktionales Erzählen II. Geschichte - Medien – Praktiken. Ergon 2020. Chantal Schaut mal, ich habe auf Twitter die Aktivität des Wortes "Verschwörungstheorie" untersucht. Also alle Tweets der letzten Tage, in denen "Verschwörungstheorie" vorkommt. So können wir sehen, wie sich der Diskurs auf Twitter verhält. Chantal