Alfred Döblin-Medaille 2020 für Cemile Sahin

Cemile Sahin © Paul Niedermayer

Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur / Mainz zeichnet Cemile Sahin für ihren Roman ›Taxi‹ und ihre visuellen Arbeiten mit der Alfred Döblin-Medaille 2020 aus.

Cemile Sahin gelingt es in ihrem Debüt-Roman – so die Jury – »für die Last der Erinnerung und ihrer Verarbeitung eine bezwingende und ganz gegenwärtige Form zu finden. Es geht um das Existenzielle: Auch wenn der Krieg zu Ende ist, verheert er die Gehirne und die Empfindungen«. Der Plot des Romans ist dabei so ungeheuerlich wie rasant: Eine Mutter ersetzt ihren im Krieg getöteten Sohn nach zehn Jahren der Trauer durch einen anderen ehemaligen Soldaten, der ihr Opfer und gleichzeitig bezahlter Darsteller in einem imaginierten Film wird. Das Drehbuch zu dieser Sitcom mit grausamen und sehr komischen Szenen stammt von der Mutter selbst.

»Die Protagonisten und Protagonistinnen des Romans sind ihrem Herkommen entrissen. Für sie«, so die weitere Begründung, »ist Identität buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Die Gewalt, der sie ausgesetzt waren und sind, spiegelt sich in den Brüchen der Erzählweise wider. Die Frau akzeptiert den Tod nicht, und der Ich-Erzähler lebt jenseits seiner Erinnerung. Er ist wiederum der Erzähler des Romans. Die Autorin erzählt vom Fortwirken der Gewalt bewusst forciert, visuell und metavisuell.«

Die Medaille wird am Dienstag, den 5. Mai 2020, 19.00 Uhr, in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur verliehen. Die Laudatio hält Mark Lammert, Professor für Malerei und Zeichnung an der ­Universität der Künste, Berlin.

Cemile Sahin, 1990 in Wiesbaden geboren, studierte Bildende Kunst am Central Saint Martins College of Art and Design in London und an der Universität der Künste in Berlin. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Film, Fotografie, Skulptur, Sound und Text. Ausgangspunkte sind Bilder oder Geschichten, die sie in ihren multimedialen Installationen neu inszeniert. Ihre Texte werden bei ›Zeit Online‹, in ›Das Wetter – Magazin für Text und Musik‹ und in der ›taz‹ veröffentlicht.

2019 wurde Cemile Sahin mit dem ›ars viva‹ Preis für Bildende Kunst ausgezeichnet und war Stipendiatin der Jungen Akademie an der Akademie der Künste in Berlin.

Mit der Alfred Döblin-Medaille würdigt die Akademie Autoren und Autorinnen für deren erste vielversprechende Veröffentlichungen und ihr bisheriges gesamtes literarisches Wirken. Der Preis ist mit 5.000,- € dotiert. Der/die Preisträger/in hat das Vorschlagsrecht für den kommenden Preisträger oder die kommende Preisträgerin in der Form, dass die Akademie drei Vorschläge erwartet, unter denen eine Jury anschließend auswählt. Zur Auszeichnung gehört auch das ›Vigoni-Döblin-Fellowship‹: ein bis zu vierwöchiger Aufenthalt in der ›Villa Vigoni. Deutsch-Italienisches Zentrum für Europäische Exzellenz‹ am Comer See, der für eine Schreibphase genutzt und mit einer Lesung verbunden werden kann.

Mit der Auszeichnung wird an einen der Mitbegründer der Akademie der Wissenschaften und der Literatur erinnert – an Alfred Döblin, dem die Akademie 1949 die Einrichtung einer Klasse der Literatur zu verdanken hat.

Bisherige Preisträger: 2015 Martin Kordić, 2016 Matthias Nawrat, 2017 Roman Ehrlich, 2018 Julia Weber, 2019 Theresia Enzensberger

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